Die Kunstuhr im Stadtmuseum Schramberg im Schloss: Passionsuhr – Reiseuhr – Werbestück

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Wer kennt sie nicht – die fast fünf Meter hohe Kunstuhr im Stadtmuseum Schramberg im ehemalige Schloss der Grafen von Bissingen? Doch wer weiß, dass sie als Reiseuhr gebaut wurde und auf der Weltausstellung in Paris 1900 als Passionsuhr mit Klängen von Passionsliedern auf sich und den Werbestand der Uhrenfabrik Junghans aufmerksam machte?[1]

Gedenkblatt mit Abbildung der Arthur Junghans'schen Kunstuhr, die auf der Weltausstellung in Paris für Junghans-Uhren warb.
"Jesu Einzug in Jesrusalem": die erste von 8 Stationen, welche die Passionsgeschichte in der Art einer mechanischen Fastenkrippe veranschaulichen.

Der Vorläufer der Kunstuhr warb in Chicago für das Kunsthandwerk

Diese außergewöhnliche Uhr hat eine wechselvolle Geschichte vorzuweisen. Die Kunstuhr im Stadtmuseum im Schloss ist ein leicht variierter Nachbau der Passionsuhr, die auf der Columbus Weltausstellung 1893 in Chicago für das bayerische Kunsthandwerk warb. Das Bildprogramm dieser Passionsuhr mit Szenen aus dem Alten und Neuen Testament und der Darstellung des Jüngsten Gerichts in Gestalt von drei Posaunenengeln auf der Spitze stand in der Tradition mittelalterlicher Altäre – bis auf eine Ausnahme: Unterhalb des Zifferblattes war die Fahrt des Columbus nach Amerika dargestellt, gewissermaßen als Verbindung von der alten Welt Europa zur neuen Welt Amerika, passend zur damaligen Weltausstellung.

Das Uhrmacherhandwerk kämpfte zu der Zeit um seine Existenz. Von den modernen Fabrikationsmethoden und Billigpreisen der aufblühenden Uhrenindustrie fühlte sich das Handwerk ins Abseits gedrängt. Die meisten Uhrmacher hatten noch nicht erkannt, dass sie mit der Zeit gehen mussten, denn die Industrie war nicht aufzuhalten. Vorerst versuchte das Handwerk noch, die industriell hergestellte Ware schlecht zu reden und selbst bei den potentiellen Käufern mit handwerklichen Fertigkeiten zu punkten. Nicht zufällig wählten die Uhrmacher für ihr Werbestück auf der Weltausstellung in Chicago 1893 den gotischen Stil: Zur Zeit der Gotik galt das Uhrmacherhandwerk als sehr angesehene Kunst, und das Handwerk hatte den sprichwörtlichen „goldenen Boden“.

Die Passionsuhr erzielte tatsächlich in Chicago zahlreiche Preise und errang Medaillen; sie erfüllte den Werbezweck. Zurück in Europa reisten die Uhrmacher weiterhin mit der erfolgreichen zerlegbaren Großuhr durchs Land und präsentierten sie auf verschiedenen Messen. Auf einer Ausstellung in Arnheim in Holland fing das Holzgehäuse Feuer, und die Uhr ging in Flammen auf. Sie sollte jedoch neu geschaffen werden.

Die Arthur Junghans’sche Kunstuhr warb auf der Weltausstellung in Paris für die Uhrenindustrie

Der Uhrenfabrikant Arthur Junghans (1852-1920) war der Auftraggeber für die Kunstuhr.

Der Chefredakteur der Deutschen Uhrmacherzeitung Carl Marfels[2] vermittelte Gustav Speckhart, dem Konstrukteur der verbrannten Passionsuhr, einen neuen Bauherrn: Arthur Junghans (1852-1920). Der Schramberger Uhrenfabrikant suchte schon länger nach Wegen, das Uhrmacherhandwerk von seinen Industrieprodukten zu überzeugen.[3] Das imposante Werbestück des Kunsthandwerks hatte er auf der Weltausstellung in Amerika gesehen. Für die Präsentation seiner Waren auf der pompösen Weltausstellung in Paris erschien ihm diese Uhr, die schon aufgrund ihrer Höhe von fast fünf Metern alle Blicke auf sich zog, als geeignetes Werbestück.

Er gab den Nachbau in Auftrag, allerdings mit für seine Zwecke geeigneten Abweichungen. Die neue Uhr sollte nicht für das Uhrmacherhandwerk werben, sondern für die Uhrenindustrie. Außerdem sollte sie die gelernten Uhrmacher davon überzeugen, dass die Uhrenindustrie aus dem Uhrmacherhandwerk erwachsen sei – nach dem Motto: Handwerk und Industrie sitzen in einem Boot. An die Stelle des Erbauers ließ er daher eine schreibende Dame in gotischem Gewand setzen: Chronika, welche die Geschichtsschreibung verkörpert.

Auch die Darstellung der modernen Kommunikationsmittel Telefon und Telegraph, des elektrischen Lichts (anstelle des Jüngsten Gerichts), der Dampfkraft, großartiger Fabrikanlagen und weltweiten Handels als Symbole des aufziehenden industriellen Zeitalters im 20. Jahrhundert (anstelle der Darstellung der Überfahrt von Columbus in einem altmodischen Boot) waren unverzichtbar. Die Tradition verkörperten weiterhin Szenen aus dem Alten und Neuen Testament. In acht Stationen wird in der Art einer mechanischen Fastenkrippe die Leidensgeschichte Christi vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung dargestellt – genauso wie bei der ersten Kunstuhr.

Auch diese Kunstuhr erfüllte ihren Zweck und errang Auszeichnungen auf der Weltausstellung in Paris 1900. Ein Gedenkblatt erinnert an ihren Erfolg. Anschließend war sie dann im von 1898 bis 1905 bestehenden Junghans-Museum „Deutsches Museum für Zeitmesskunst“ zu sehen. Danach warb sie jahrzehntelang im Landesgewerbemuseum in Stuttgart für Junghans-Produkte. In den 1930er Jahren kehrte sie nach Schramberg zurück und kam aufgrund ihres neugotischen Gehäuses und der Darstellung der Passionsszenen in der Evangelischen Kirche unter.

Heute: ein vielsagendes Schaustück im Stadtmuseum Schramberg

Seit 1983 ist die Arthur Junghans’sche Kunstuhr im Stadtmuseum Schramberg im Schloss in der Uhrenabteilung zu bestaunen.

Die Museumsausstellungen befassen sich mit der Geschichte der Burgen und der Adelsgeschichte sowie insbesondere mit der Industriegeschichte Schambergs: der Steingutfabrikation, der Strohwarenherstellung, der Uhrenindustrie. Der zum 40-jährigen Jubiläum des Stadtmuseums im September 2019 eröffnete neueste Teil der Museumspräsentation widmet sich der gegenwärtigen Industrie: Made in Schramberg. Wechselnde Sonderausstellungen runden das Programm ab. Vom 1. Advent bis zum Sonntag nach Mariae Lichtmess (2. Februar) ist außerdem die bedeutende Krippensammlung des Stadtmuseums zu besichtigen.

Das Stadtmuseum ist dienstags bis samstags von 13 bis 17 Uhr geöffnet sowie sonntags und an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Quellen | Literatur

  • Ursula Dittrich-Wagner: Die Arthur-Junghans’sche Kunstuhr im Stadtmuseum Schramberg, Schramberg 1990 (= Schriften des Stadtmuseums Schramberg 2)
  • Uhrzeiten - Innovationen in Technik und Design. Begleitbuch zur Ausstellung des Stadtmuseums Schramberg zum 150-jährigen Firmenjubiläum der Uhrenfabrik Junghans, hrsg. von Gisela Lixfeld, Schramberg 2011 (= Schriften des Stadtmuseums Schramberg 23)
  • Amerikaneruhren weltweit. Begleitbuch zur Ausstellung des Stadtmuseums Schramberg, hrsg. von Gisela Lixfeld, Schramberg 2012 (= Schriften des Stadtmuseums Schramberg 25)
  • Claudius Saunier: Die Geschichte der Zeitmeßkunst von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Ins Deutsche übersetzt und neu bearbeitet von Gustav Speckhart, 3 Bände, Bautzen 1903

Links

Einzelnachweise

  1. Der Text folgt Gisela Lixfeld, Die Passionsuhr im Stadtmuseum Schramberg, in: Perle-Schramberg, April 2014. – Vgl. die umfangreichen Recherchen von Ursula Dittrich-Wagner. Die Arthur Junghans’sche Kunstuhr, siehe Quellen
  2. Ursula Dittrich-Wagner, Die Arthur Junghans’sche Kunstuhr, siehe Quellen
  3. Siehe Gisela Lixfeld, Uhrzeit. Alles zu ihrer Zeit. Amerikaneruhren made in Germany, in: Uhrzeiten – Innovationen in Technik und Design, S. 27-37, siehe Quellen. – Gisela Lixfeld, Eine Zeit des Umbruchs und der Brüche: Das Uhrmacherhandwerk und die Massenproduktion, in: Amerikaneruhren weltweit, S. 93-101, siehe Quellen